Kinderfußball – Spiegelbild unserer Gesellschaft

Wenn Vereine den KiFu‐ Spielbetrieb tabellenorientiert bewerten und Trainer demzufolge siegorientiert handeln, spiegelt dies dem Betrachter (Kinder/Eltern) eine falsche Sichtweise und zerstört die Philosophie des Kinderfußballs.

1. Tabellenorientierter Spielbetrieb ist nicht kindgerecht

2. Schwächere Spieler werden ausgegrenzt

3. Spieler werden oft nur einseitig eingesetzt

Das Grundübel, das sich der KiFu in eine völlig falsche Richtung entwickelt hat, ist falsch ausgelebter Ehrgeiz und die Ignoranz gegenüber der DFB‐ KiFu‐ Leitlinien. Es identifizieren sich zu viele Vereine/Trainer mit sportlichen Erfolgen im Kinderfußball. Es ist relativ „einfach“, im vielfach organisierten Kinderspielbetrieb, eine Meisterschaft zu erringen. Da der Kinderfußball meist in kleinen Staffeln (5‐6 Teams) eingeteilt ist, gibt es viele Titel zu gewinnen. Wenn man nun sieg-/meisterschaftsorientiert denkt, ist es nur konsequent, die leistungsstärkste Mannschaft aufzustellen. Man „muss“ schließlich gewinnen.

Zu Punkt 1:

Wenn der Wettspielbetrieb allerdings „kindgerecht“ gestaltet wird, kann er zur Entwicklung der Kinder beitragen und gleichzeitig bleibt der Spaß am Spiel erhalten. Ein Spiel zu gewinnen ist das Ziel jedes Kindes, darf aber nicht das Ziel eines Kindertrainers sein.

Zu Punkt 2:

Hier liegt die größte soziale Herausforderung, die der Kinderfußball jedem Jugendverantwortlichen stellt. Was sich in der Psyche der betroffenen Kinder verankert, ist für viele Erwachsene nicht greifbar. Sie haben vergessen, wie Kinder wirklich denken. In Kinderseelen spielen sich oft, unbemerkt von Erwachsenen, Dramen „ ich bin zu schlecht“ ab. Die Auswirkungen auf die weitere Entwicklung der Kinder sind tragisch, werden aber nicht realisiert. Spricht man 2005 im DFB‐Buch „Philosophie Kinderfußball“ noch von einem Drop‐Out Problem bei C‐Jugendlichen, zeigen neuere Untersuchungen (2009) der Uni Landau/Koblenz das Problem schon bei E‐Jugendlichen auf. Spätesten hier wird auch klar, welch kranke Entwicklung der Kinderfußball, trotz massiver Aufklärungsversuche seitens der Verbände, genommen hat. Wer trägt hierfür die Verantwortung?

Zu Punkt 3:

Diese Vorgehensweise bringt natürlich kurzfristigen Erfolg. Lernen die Kinder dabei aber etwas Neues?

Wenn ein Schüler gute Ergebnisse in Mathematik bringt und weniger gute in Englisch, in welchem Fach sollte er sich um bessere Leistungen bemühen?

Im Kinderfußball geht es um ganzheitliche Ausbildung und dazu braucht man vor allem Geduld.

Der Fußball, Spiegelbild unserer Gesellschaft, oder noch schlimmer? Die schnelllebige Zeit hat die Kinder ihrer Realität beraubt. Da sie den Vergleich zu kindgerechter Arbeit nicht kennen, können sie sich nicht wehren. Wir müssen lernen, ihre Hilfeschreie zu verstehen, um ihnen helfen zu können. In unserer komplexen Welt scheint nicht mal mehr Zeit für Kinderfußball zu sein.

Wenn man mit Kindern arbeitet, braucht man Geduld.

Wenn man am nächsten Samstag aber gewinnen muss/will, hat man keine Zeit!

Vielen Dank für die Aufmerksamkeit und viele Grüße,

Ralf Klohr

www.fairplayliga.de

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7 Antworten auf Kinderfußball – Spiegelbild unserer Gesellschaft

  1. Kicker sagt:

    Die massiven Aufklärungsversuche seitens der Verbände sehe ich nicht. Als ich seinerzeits als Vater und Trainer um Unterstützung nachsuchte, erhielt ich keine Antwort. Für verspätete Ergebnismeldungen etc. gibt es nette Strafen, werden Kinder kaputt gemacht, erklärt man sich auf Nachfrage für unzuständig. Kann das sein?

    Im Sport geht es immer um Siege, auch Kindern, das sollten wir nicht verklären. Schon 7-jährige rennen in der Schule zu anderen rufend “Ihr Loser!” und ihr Grinsen dabei ist echt, nicht aufgesetzt oder eingetrichtert. Kinder sind eben auch nur Menschen. Trainer-Aufgabe aber ist es, dass sie zu verlieren oder mit Demütigungen umzugehen lernen und erkennen, dass Triumphe zwar süß schmecken, aber erstens vergänglich sind, sich abnutzen und es zweitens viel Wichtigeres gibt, Freunde z.B. Wer dann Teams wählen lässt, kann mitunter Erstaunliches beobachten: zuerst wird der Freund gewählt, obwohl der der Schwächste ist. Dann hat die Arbeit menschlich befruchtet.

    Langfristig bringt solch entspannte, relaxte Atmosphäre, d.h. viel Luft zum Atmen, auch Erfolg, für den Gelassenheit in Kombination mit Konzentration aufs Wesentliche, aufs Teamplay entscheidend ist. Wer den Fußball in all seinen Dimensionen versteht, wäre sein Lehrer statt nur “Trainer”. Verbände müssten nur etwas differenzieren, vermitteln, dass echte Lehrer nicht in 100 Paukstunden erwachsen, es um mehr geht als das, was Erfolg ist: das, was ihn erst ermöglicht und erbringt, Persönlichkeit statt Positionsaufstellung usw.

  2. Laszlo sagt:

    Ich kann Ralf nur zustimmen und habe mir erlaubt, diese Ausführungen einmal zu kopieren um sie mit unseren Jugendtrainern zu diskutieren. Darüber hinaus kommt mir das auch gerade sehr gelegen, da meine Eltern (Trainiere aktuell E-Junioren älterer Jahrgang) scheinbar den Blick fürs Wesentliche verloren haben. So musste ich mir bei unserem letzten Hallenturnier doch tatsächlich sagen lassen, dass ich ja garnicht gewinnen will wenn ich so aufstelle. Es war das Spiel um Platz 5(!!) und ich habe einem Jungen der erst angefangen hat Fussball zu spielen, die Möglichkeit gegegben mal länger als 2 Minuten in der Halle zu spielen. Gipfel des Ganzen war, das sie diesen Jungen dann auch noch verantwortlich für den Rückstand (0:2 … Spiel ging 1:2 verloren) gemacht haben obwohl er gar keinen Fehler gemacht hatte. … Nicht das ich da nicht drüber stehen kann, nur zieht sich genau diese Einstellung seit einiger Zeit durch den Geist meiner Eltern. Und das obwohl ich mehrere Gesprächsrunden gerade mit meinen Eltern über Sinn und Unsinn im Kinderfußball geführt habe und dachte sie hätten es begriffen. Leider war das nicht der Fall. … Nun werde ich dank dieses Beitrages vielleicht endlich auch meine Eltern erreichen wenn ich Ihnen wiedereinmal sagen werde, dass die Jungs primär Spass haben sollen und sich ausprobieren sollen.

  3. Christian sagt:

    Das Thema wird vorwiegend im Amateurfußball vernachlässigt. Ich denke bei Profi-Vereinen steht die fußballerische Ausbildung im Vordergrund. Dabei wird darauf geachtet, dass möglichst alle Spieler im Durchschnitt die gleichen Spielminuten erhalten. Ich denke, dass es bei dem Nachwuchskonzept des jeweiligen Vereins davon abhängt, wie trainiert -und aufgestellt werden soll. Das muss dann auch von den Zuständigen überprüft werden. Die Einstellung der Trainer ist davon abhängig, wie Ihre Philosophie des Trainierens ist. Ist ein Trainer nur nach Ergebnissen orientiert, sollte er vielleicht eine höhere Altersstufe trainieren (ab B-Junioren). Das Ausgrenzen von Spielern sollte im Allg. im Kinderfußball vermieden werden. Wenn aber mehrere Kinder spielen wollen, dann sollte man sich überlegen, 2 Mannschaften daraus zu bilden, so hätten alle wieder mehr Einsatzzeiten. Der Spaß und Teamgeist sollte im Vordergrund stehen. Die einzelnen Trainingsinhalte sind widerum gesondert zu behandeln hinsichtlich jeder Altersstufen (speziell im Kinderfußball).
    Beste Grüße

  4. Ferguson sagt:

    Die Diskussion um ergebnis-orientiertes Denken im Kinder- und Jugendfußball ist total scheinheilig. Natürlich wäre es toll, wenn sich alle daran hielten und nur die fußballerische Ausbildung in den Vordergrund stellen würden. Aber wie sieht denn die Wirklichkeit aus: Bambini-Trainer prügeln sich fast mit Kollegen wegen falscher Schiri-Entscheidungen, Top-Clubs holen Talente auf Teufel komm raus schon mit 8,9 Jahren aus ihrer gewohnten Umgebung, meistens um sie dann mit 12,13 Jahren wieder wegzuschicken. Und Spielereltern, die ihre Kinder schon in der Grundschule gnadenlos auf Erfolg für später trimmen, mit Lernzeiten, die jeder pädagogischen Realität widersprechen, machen den “Hermann”, wenn ein Trainer bei einem Team nach Leistung aufstellt. Schaffen wir also eine bessere Welt, dann können wir uns über dieses Thema einmal ernsthaft unterhalten. Und vergeßt vor allem die Kinder nicht. Denn die wollen, egal ob 7 oder 15, nach jedem Spiel wissen, wo sie in der Tabelle stehen, ob uns das als Erwachsenen nun gefällt oder nicht. Wieso, klar auch sie sind ein Teil des Systems und dementsprechend geprägt, nur wollen das viele nicht wahrhaben.

  5. Michaela sagt:

    Ich kann Ralf nur zustimmen und ich weiß, dass der DFB Kenntnis davon hat. bereits etliche Male habe ich einzelne Funktionäre darauf angesprochen, erntete aber nur ein Achselzucken und die Antwort:” Jeder Kreis macht eigene Regeln, wir können nur empfehlen und nicht darauf einwirken. na dann, gute Nacht!
    Ebenso ist es in unserem Land üblich, dass jeder Landkreis eigene Regeln aufstellt bezüglich der Mannschaftsstärke auf dem Feld. Bei den Bambini/F-Junioren gibt es alles von 4:1 bis 7:1. Auf meine Nachfrage nach diesem Umstand erhielt ich nur die Antwort, es gäbe einfach zuviele Spieler in manchen Vereinen lt. der Trainer. Na wenn das mal nicht ein Argument ist, die Kids auf dem Platz komplett zu überfordern.
    Da muss man sich auch nicht mehr wundern, wie auch manche Eltern drauf sind.
    Einige negative Ausnahemn habe ich auch zu beklagen, zumal ich 3 Mannschaften trainiere. da kam schon mal nach einem Bambini-Turnier ein Papa auf mich zu und meinte, Barca würde seine Spiele gewinnen, weil sie alle das schnelle Kurzpassspiel beherrschen…ob mir das nicht auffallen würde…..wir sprechen hier von Bamibini!!
    Dazu fällt mir dann nichts mehr ein…..

  6. Mirko sagt:

    Hallo Ralf Klohr,

    Leider muss ich Dir da zustimmen, das erschreckende daran ist, das der DFB das mit sicherheit weiß: Ich trainiere eine reine untere F-Jugend und muss feststellen das es Vereine gibt, die in diesem Jugendbereich von sich behaupten “Erfolgsorientiert” zu trainieren und zu spielen. Dabei verwechsel diese Vereine, Erfolg mit Gewinnen und teilen ihre Manschaften nach “Leistung” (fußballerische Leisung) auf.
    Leider agieren nicht nur Vereine so, sondern auch Eltern und Sponsoren. Jedoch haben Vereine die Möglichkeit dem Entgegen zu gehen.
    Wenn dann der DFB auch noch einen Standort in der Stadt hat und der benachbarte Verein so agiert, muss der DFB das eigendlich sehen und wissen womit ich sogar sage, das der DFB das wohl auch will.
    In meiner Manschaft habe ich eine große Bandbreite, von Kindern mit großem Talent, bis Kinder welche nicht unbedingt Fußballtalent mitbringen. Trotzdem macht es allen Kinder Spaß, keiner grenzt ein anderen aus. Mein Trainerherz freut sich über jeden Erfolg, womit ich bei Erfolg nicht ein “Spiel gewinnen” meine, sondern wenn die Kids (womit ich auch die weniger talentierte Kids meine) wieder etwas gelern haben und das im Spiel umsetzen.

    “Erfolg ist zu lernen und das gelernte umzusetzen”

    Die Eltern “meiner” Kinder teilen diese Philosophie. Auch das ist wichtig. Leider habe ich selber da auch schon andere Erfahrungen machen müssen.

    vg Mirko

  7. Thomas sagt:

    Es ist schon gruselig was im Kinderfußball abgeht.
    Danke für deinen Einsatz Ralf!

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